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Mythen und Sagen im Faktencheck

Die bekannten Schweizer Mythen basieren auf sehr ungenauen Quellen

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Die Sage von Wilhelm Tell, und mit ihr die Gründungsgeschichte der Schweiz, ist seit dem späten 15. Jahrhundert bekannt. Erstmals niedergeschrieben wurde sie um 1470 im «Weissen Buch von Sarnen». Mit dem Drama «Wilhelm Tell» von Friedrich Schiller fand die Geschichte 1804 ihre wohl populärste Version:

Wilhelm Tell, ein Jäger aus Bürglen, geht mit seinem Sohn Walterli nach Altdorf. Dort hat Landvogt Gessler einen Hut aufgestellt, den alle als Zeichen ihrer Unterwerfung  grüssen müssen. Tell verweigert diesen Gruss. Zur  Strafe wird er von Gessler gezwungen mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. Nachdem dieser «Tellschuss» gelungen ist, wird Tell von Gessler festgenommen, denn der Landvogt fürchtet sich vor Tell. Gessler will Tell über den Urnersee nach Küssnacht in seine Burg bringen, um ihn dort einzusperren. Bei der Tellsplatte bei  Sisikon gelingt dem Urner Schützen mit einem Sprung aus dem Boot die Flucht. In der Hohlen Gasse in Küssnacht lauert Tell anschliessend dem Landvogt auf und tötet diesen. Die Urner, Schwyzer und Unterwaldner, die sich auf dem Rütli bei Seelisberg gegen die fremden Vögte verbündet haben, wagen nach dem Tod Gesslers den Aufstand und erringen für die Eidgenossenschaft die Freiheit. Diese Zusammen gehörigkeit und die Absicht, sich fortan gemeinsam gegen Gewalt und Unrecht zu wehren, wurde 1291 im «Bundesbrief» schriftlich festgehalten.

Schlacht am Morgarten

Rund zwanzig Jahre später musste man sich am Morgarten einer ersten Bewährungsprobe stellen. Herzog Leopold von Habsburg zog am 15. November 1315 mit seinem Heer von Zug kommend durch das Ägerital gegen Sattel. Beim südlichen Ende des Ägerisees – am Morgarten – wurden sie von den zahlenmässig Unterlegenen Urschweizern In einer blutigen Schlacht geschlagen und in die Flucht gejagt. Durch den Sieg in dieser «ersten Freiheitsschlacht» sicherte sich die Waldstätte die politische Unabhängigkeit.

Wahrheit oder Mythos?

Die bekannten Schweizer Mythen basieren auf sehr ungenauen Quellen. Vieles ist schlicht falsch oder kann nicht bewiesen werden. Ein Überblick verschafft Klarheit. Die Mythen haben bis heute nur wenig von ihrer Strahlkraft verloren. In zahlreichen politischen Auseinandersetzungen in der Schweiz wird auf sie verwiesen – und dies von allen Parteien und politischen Bewegungen.

Rütlischwur und Bundesbrief

Historisch gesehen wurde die Schweiz nicht gegründet, weder 1291 noch zu einem anderen Zeitpunkt. Viel mehr hat sich die Eidgenossenschaft sehr langsam zu einem komplexen Geflecht aus verschiedenen Bündnissen entwickelt. Somit ist der Bundesbrief von 1291 auch nicht die Gründungsurkunde der Schweiz, sondern regelte den Frieden unter den beteiligten Orten und Talschaften.

Wilhelm Tell

Ebenfalls lässt sich bis heute nicht beweisen, dass Tell wirklich gelebt hat. Der Apfelschuss basiert gar auf der Sage des dänischen Helden Toko. Dieser Sage bediente sich der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber, als er zwischen 1470 und 1472 das «Weisse Buch von Sarnen» verfasste.

Schlacht am Morgarten

Ja, 1315 kam es am Morgarten zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Eidgenossen und den Habsburgern. Zu Ursachen, Ablauf, genauem Schlachtort und Anzahl oder Herkunft der Beteiligten aber gibt es keinerlei gesicherte Informationen.

Historische Einordnung

Auch wenn die Mythen und Sagen voller Un genauigkeiten und erzählerischen Elementen sind, spielten sie in der Geschichte der Schweiz immer wieder eine grosse Rolle. Im Lauf der letzten 500 Jahre dienten sie als Symbole für Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.  Gerade im 19. Jahrhundert war Tell als Mythos und als «Vater des Vaterlandes» sehr wichtig, um den 1848 neu geschaffenen Bundesstaat Schweiz zu festigen. Und in der Zeit der geistigen Landesverteidigung zwischen 1932 bis 1960 hatte die Instrumentalisierung des Bundesbriefes eine grosse Wirkung auf die nationale Identität der Schweizerinnen und Schweizer.